Gospelgeschichte

Geschichte des Gospel

Um die Geschichte des Gospel nachvollziehen zu können, muß man eine Zeitreise in das Amerika des 16. Jahrhunderts machen und sich mit der Entstehung der Spirituals befassen.

1619 trafen die ersten aus Afrika verschleppten Sklaven im amerikanischen Bundesstaat Virginia ein. Sie wurden auf den großen Tabak- und Baumwoll-Plantagen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Diese Arbeit war hart, kleinste Vergehen wurden streng und brutal geahndet.
 

 

 Die tiefe Verwurzelung der christlichen Kirche in der weißen Bevölkerung erklärt die Skrupel, Christen als Sklaven zu halten. So erklärt sich auch, warum niemand auch nur das geringste Interesse hatte diese Menschen zu missionieren. Man hätte sie nicht mehr als Sklaven halten und einsetzen können. Diesem "Dilemma" entkamen die Sklavenhalter durch ein Gesetz im Jahr 1667, welches festlegte, dass der Übertritt eines Sklaven zum Christentum an dessen sozialer Stellung nichts änderte. Die Leidensgeschichte Jesu berührte sie zunehmend. Für die Entstehung der Spirituals wichtig zu wissen ist, dass die Afrikaner selbstverständlich Dinge aus ihrer Heimat mitbrachten: ihre Überlieferungen, ihren Mehrgottglauben und die religiöse Ekstase.

So entstanden langsam eigenständige schwarze Kirchen und die afrikanische Religiosität vermischte sich mit der christlichen Lehre. Da Musik, Tanz und Gesang untrennbar mit dem afrikanischen Alltag verbunden war, wurde sie zu einem wichtigen Bestandteil der schwarzen Gottesdienste.

In der rhythmischen Zwiesprache des Predigers mit der Gemeinde entwickelten sich spontan Lieder, die einen Bibeltext als zentrales Element hatten. Diese Spirituals waren die Lieder, welche die Sklaven im Alltag sangen. Sie entstanden in freier Improvisation und wurden mündlich überliefert. Da der Tanz und das Trommeln von der weißen Bevölkerung als heidnisch angesehen und verboten wurden, entstand hier das bekannte Klatschen oder Stampfen.

In den rund 250 Jahren der Sklaverei wurden etwa 10 Millionen Schwarze nach Amerika verschleppt. Die weißen Besitzer mussten häufig in Furcht vor einem Aufstand oder der Flucht der Sklaven leben. Zwischen 1670 und 1865 gab es 130 bewaffnete Aufstände durch Sklaven. Trotzdem war der Weg aus dem Süden ins freie Kanada weit und beschwerlich.

Ab 1838 organisierten Gegner der Sklaverei die "Underground Railroad" - einen Fluchtplan mit Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimen Kommunikationsmitteln. Diese Kommunikationsmittel waren u.a. eine Kombination von Steppdeckensymbolen und Gesängen und teilten Interessierten das Wann, Wo und Wie der organisierten Fluchten mit.

1849 entschied sich die damals 29-jährige Sklavin Harriet Tubman nach ihrer erfolgreichen Flucht dafür, Fluchthelferin bei der "Underground Railroad" zu werden. Sie wurde zu einer Berühmtheit. Ihr Codename war "Moses".

Die schlimme Zeit und der Weg zur Freiheit machte es notwendig, eine kodierte Sprache zu entwickeln. So wurde das Gebiet ohne Sklaverei mit "my home", "Sweet Canaan" oder "the Promised Land" umschrieben. Dieses Gebiet lag auf der nördlichen Seite des Ohio River, den man in der verschlüsselten Sprache als "Jordan" bezeichnete.
 

  
Mit dem Wissen um diese verschlüsselte Sprache ist man in der Lage zu verstehen:

Die Flüchtlinge wateten durch das Wasser um die Hunde abzuschütteln ("Wade in The Water"). Man sprang als blinder Passagier auf eine Kutsche ("Swing Low, Sweet Chariot"). Die oben erwähnte Harriet Tubman findet man mit ihrem Codenamen in "Go down, Moses" wieder. Oder die Spirituals wurden ganz einfach zu einem Ruf nach Freiheit und Aufforderung zur Flucht ("Steal Away").

So spannend dies sich auch anhört: Die Spiritual texte sind überwiegend religiösen Inhaltes und erzählen von dem Leben geschlagener, geschundener und sehnsüchtiger Menschen. Die Texte erzählen von der Hoffnung dieser Menschen und ihrem Glauben an Gott...

Die Sklaverei wurde 1865 offiziell abgeschafft. Einigen Afroamerikanern wurde es erlaubt, auf Schulen und Universitäten zu lernen. Die Fisk-Universität in Nashville (Tennessee) war eine der ersten schwarzen Universitäten und hatte das Problem chronisch pleite zu sein. Um die Institution finanziell zu unterstützen, wurden Musikgruppen gegründet, die in der ganzen Neuen Welt und in Europa Negro-Spirituals sangen.

Die fortwährende Veränderung der Spirituals und die Begegnung der schwarzen religiösen Musik mit Elementen des Jazz gebar einen neuen Typ von christlichem Song: Den Gospel ("das Evangelium") 

Es gibt drei Unterschiede zwischen Spiritual und Gospel:

Die Spirituals sind echte Gruppenschöpfungen, während Gospel Songs in der Mehrzahl komponiert werden.

Die Bilderwelt des Spirituals entstammt hauptsächlich dem Alten Testament, während die Gospel Songs sich gewöhnlich auf den Leidensweg Jesu Christi und die Botschaft des Neuen Testaments beziehen.

Durch den Einbezug von Jazz-Elementen sind Gospels rhythmisch intensiver, zupackender, vitaler als die meisten Spirituals

Einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung von Gospels leistete Thomas A. Dorsey, Sohn eines Baptistenpfarrers und ehemaliger Bluesmusiker. Seine neue von ihm komponierte bluesige Kirchenmusik konnte auch in Noten verbreitet werden. Dies war bei den traditionellen Spirituals nicht möglich, sie wurden ja überwiegend mündlich überliefert. Thomas A. Dorsey, auch als Vater der Gospelmusik bezeichnet, komponierte über 800 Gospeltitel.

Auf einem Treffen der National Baptist Convention hörte er zum ersten Mal christliche Kompositionen von Charles A. Tindley (1851-1933), zum Beispiel "We’ll understand it better By and By". Von da an begann er, religiöse Lieder zu schreiben, mit der musikalischen Erfahrung, die er aus seinen Blues Sessions wohl sehr reichlich gesammelt hatte. So entstanden Gospelklassiker wie "There’ll be Peace in the Valley" oder "Take my Hand, Precious Lord", die zum Beispiel als Interpretationen von Elvis Presley weltbekannt wurden.

Während die Spirituals meist unbegleitet, a cappella, erklangen, wurden die Gospelsongs durch Instrumente unterstützt. Anfangs nur mit Klavier und Tambourin, in den 1950er Jahren mit Hammond-Orgel, elektrischen Gitarren und Drums. Schließlich werden heute aufwendige Gospelproduktionen mit ganzen Orchestern und aufwendiger Computer-Studio-Technik produziert. Eine der erfolgreichsten Interpreten traditioneller Gospelsongs ist die "Queen of Gospel" Mahalia Jackson. Sie war es, die vor Dr. Martin Luther Kings weltberühmter Rede "I have a Dream" seinen Lieblingssong "Take my Hand, Precious Lord" vor Hunderttausenden Zuhörern am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington sang.

Seit den Zeiten der Bürgerrechts- und Friedensbewegung in den 1960er Jahren unseres Jahrhunderts erfüllten Gospelsongs immer mehr die Funktion, die Einigkeit und Entschlossenheit der Protestierenden gegen Krieg und Unrecht in der Welt zu artikulieren.
 

 
Beispiel: "We shall Overcome" - Wir werden es eines Tages geschafft haben. Ein Song, der geradezu zur Hymne der Friedensbewegung in den USA und weltweit wurde.

Es war auch die Periode, in der Gospelsongs es erstmals auch in die Hitparaden der Radiostationen schafften. Die Plattenfirmen wurden aufmerksam auf das Geschäft, das mit Gospel Musik zu machen war, und verhalfen dieser durch ihre Werbung zu nochmehr Bekanntheit und Erfolg.

Beispiel: Von "Oh Happy Day" verkauften die Edwin Hawkins Singers 1969 zwei Millionen Singles. Dies war der erste große Chartdurchbruch für einen Gospelsong.

Gospel Musik ist eine Form der christlichen Musik, die mit einer reichen und abwechslungsreichen Geschichte durch ihre intensive spirituelle Qualität bis heute eine stetig wachsende Anziehungskraft auf Musiker, Sänger und Zuhörer ausübt.

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